Sonnabend, 28. Juli 1906
Wundervolles Wetter. Wald durftet entzückend und leichte Briese bringt angenehme Abkühlung.
Schon allein aus meinem Fenster zu sehen ist ein Genuß. Und nun soll ich das kurzweg aufgeben
u. in mir ganz fremde Verhältnisse hineingehen u. scheinbar einen Augiasstall |1|
ausmisten. Aber Kr. |2| redet mächtig zu. Könnte Anfang zu durchaus erstrebenswerten
Stellung sein etc. etc. |3| u. dann sollte ich, da Möglichkeit vorhanden, dem
unglücklichen Kollegen |4| beispringen. Kurzum ich lasse mich breit schlagen u.
sage zu. Muß nun in Eile meine Sachen packen, mich verabschieden u. gondele dann gegen
Mittag nach Sülzhayn-Dorf —.
Eintragungen vom 28. Juli bis 1. August 1906
Von hier an fand ich fast 4 Wochen lang keine Gelegenheit an mein Tagebuch zu denken,
obschon eine Fülle von Ereignissen auftrat, die der Aufzeichnung wert waren. Habe wieder
einmal lernen müssen. Also:
Im Dorf Sülzhayn besitzt ein Dr. Hirschfeld (kein Jude) [Fortsetzung der Aufzeichnungen unter dem 29. Juli 1906]
ein Sanatorium dessen eigentlicher Besitzer seine Frau ist, eine geborene Französin Jeanette
Féraud verw. Stubbe. Nachdem ihr erster Mann St |5| gestorben an Tuberkulose, ehelicht
sie dessen Assistent Dr. H. |4| der ebenfalls lungenleidend. Zu Anfang d. J. |6|
wird Krankheit bedenklich durch heftige Erkrankung des Kehlkopfes, die Tracheotomie erfordert.
Seit einiger Zeit Mann in Soden |7|. Als sein Vertreter ein früherer Assist. von Krems.
Dr. Zickgraf (Bayer) |8|. Mit diesem kann sich Frau Dr. H. |9| – die Anstalt
wirtschaftlich leitet – nicht stellen und er wohl auch nicht mit ihr u. da weiß er kein anderes
Mittel, als die Kranken aufzuhetzen gegen die Verwaltung u. gemeinsam mit ihnen zu stänkern.
Natürl. verliert er dabei jeglichen Einfluß auf Patienten, sodaß Hausordnung in gröbster Weise
verletzt wird. Schließlich Krach derart, daß Frau H. |9| den Arzt zum sofortigen Verlassen
ihres Hauses
[Fortsetzung der Aufzeichnungen unter dem 30. Juli 1906]
veranlaßt u. mich zum Antritt seines Erblasses. Das bekommt mir denn auch so. Weder Krems. noch
Emil Hofmann |10|, die mit mir verhandelten, hatten mich darauf aufmerksam gemacht, dß es
sich nicht nur um den Streit zwischen Besitzerin u. Arzt handelte, sondern auch um die Patienten,
die an u. für sich, wenigstens zum Teil, eine Rasselbande, jetzt vollst. aus Rand u. Band waren.
Kaum bin ich eingetroffen, als Frau Dr. H. |9| Bedingung stellt, daß »ich« die
von ihr als Rädelsführer bezeichneten Kranken (3) sofort entlassen soll. Ich mache auf das Mißliche
solcher Maßnahmen aufmerksam u. dß ich nicht gern mit Krach meine Tätigkeit beginnen möchte. Frau
H. |9| besteht aber auf ihrem Wunsch, den ich nun in aller Ruhe den Betreffenden mitteile.
Darob eine vollständ. Revolution. Kranke rücken schreiend und heulend vor mein Zimmer u. verlangen
»ihr Recht«. Der alte Arzt soll wieder-
[Fortsetzung der Aufzeichnungen unter dem 31. Juli 1906]
kommen, ihre »Freunde u. Vertreter« dürften nicht entlassen werden. Zunächst finde
dieses alberne Benehmen spaßhaft u. das merken die Leute u. lassen sich auf Verhandlungen ein,
in denen mir gelingt Einigung zu schaffen. Niemand soll entlassen werden, sofern versprechen,
daß nunmehr Ruhe halten wollen u. an Frau H. |9| ihr Bedauern aussprechen über letzten
Vorgänge, die Frau H. durchaus berechtigten von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen, d. h.
Krakehler zu entfernen. Sie stellte es jedem anheim, die Kur abzubrechen, dem die Verhältnisse
in Sanatorium nicht paßten. Ich erkläre, daß ich lediglich hierher gekommen bin im Interesse
des schwerkranken Kollegen |4| u. in ihrem eigenen. Ohne mein Einspringen müßte der
Betrieb einfach aufhören. Ich selbst verfolgte direktes Interesse überhaupt nicht, lernte
jetzt erst Frau H. |9| u. Dr. Z. |8| kennen, würde gern Beschwerden der Patienten
prüfen, begründete abzustellen suchen. Nur wenn das geschähe, würde ich bleiben. Andererseits
hätte ich aber auch Interesse u. guten Ruf des Hauses zu vertreten, müßte also auf Einhaltung
der Hausordnung drängen u. ganz besonders Kundgebungen verbieten wie die heutigen. Mit Gewalt
wäre nichts zu erreichen, zu vernünftigen Maßnahmen wäre aber mit ihnen bereit. Daraufhin wird
Frieden geschlossen u. ich beginne meine Arbeit. Habe mich aber in meiner Annahme getäuscht mit
Ruhe u. Entgegenkommen etwas zu erreichen. Es sind unverbesserliche Stänker da, ein Jude Oppenheim
|11| u. ein echter Sozialdemokrat Ruckenbrod |12|, denen es nicht paßt, dß sie nach
Belieben hier nicht wirtschaften sollen u. die weiter hetzen. Während die feigen Hallunken mir
Versprech. machen, putschen sie mit dem entlassenen Arzt – der, kaum glaublich, sich dazu hergiebt
u. senden auch eine telegrafische Beschwerde an Landes Vers. Brandenburg |13| in Berlin,
in der sie in gemeinster Entstellung der Tatsachen, namentl. über meine Person herfallen u. dgl.
|14|. Das empört mich u. als ich dem Obmann der Pat. Ruckenbrod darüber Vorstellungen
mache, wird dieser Lump derart frech u. ergeht sich über Anstalt, Verwaltung u. ärztliche Leitung
in so unflätigen Ausdrücken – gemeiner Saustall, Schweinewirtschaft, Ausbeuter, Ignoranten – daß
ihn kurzer Hand aus Haus weise, zumal von L.V.A. |13| Schreiben eingegangen, daß wir R.
|12| gegenüber zu solcher Maßnahme greifen sollen, sobald sich nicht füge. Nun bricht
ein Spektakel los des jeder Beschreibung spottet. R. |12| tobt wie ein Berserker u.
mit ihm sein Anhang. Bin natürl. machtlos gegen diese Bande, versuche aber zu beruhigen,
mit Unterstützung einiger verständig Gebliebener, denen doch bereits Angst wird, als ich
erkläre, dß falls nicht Ruhe einträte, ich Ortsbehörde zu meiner Hilfe rufen würde. Nach
u. nach flaut ab, R. |12| zieht unter Schimpfen u. Protest ab u. die feigen Hunde,
die einzeln garnichts sond. nur als Meute etwas wagen, kuschen. Muß später ihnen insgesammt
gegenübertreten, wobei ihnen gründlich Wahrheit sage u. dabei erkenne welches Gesindel vor
mir habe. Als ein »Schreier« sich mausig macht, setze ihn ohne Umstände ebenfalls
an Luft u. fordere jeden dem es nicht paßt sich Hausordnung u. hiesigen Verhältnissen zu fügen,
auf, sofort Haus zu
[Fortsetzung der Aufzeichnungen unter dem 1. August 1906]
[ver]lassen. Jedem Ungehorsam gegenüber würde ich vom Hausrecht Gebrauch machen, jeder Ausschreitung
gegenüber Polizei in Anspruch nehmen. Das wirkt. Wie die begossenen Pudel ziehen diese Hallunken
ab. Verlange sofortige schriftliche Erklärung an L.V.A. |13|, dß Beschwerde über mich
jeglicher Berechtigung entbehre, daß mir von Anfang an größte Mühe gegeben habe im Verein mit
Pat. |15| Mißstände zu beseitigen u. zwar mit gutem Erfolg: Dann nochmals Friedensschluß
nach Ansprache an Gesammtheit u. seitdem i. d. I. |16| Ruhe. Glimmte hie u. da auch noch
Fünkchen auf, so wurde bald erstickt u. ich konnte mich ganz u. gar meiner ärztlichen Tätigkeit widmen.In den ersten Tagen liefen aber nebenher noch allerlei Annehmlichkeiten, die keine geringe Ansprüche an meine Kräfte stellten u. an das Entgegenkommen das ich gezeigt hatte. Aber ich hatte, vielleicht etwas unüberlegt – A gesagt, nun sollte es auch B. u. Z. werden. Um nachzugeben, war ich zu stolz, selbst wenn ich in höchst ungemütliche Lagen geraten sollte. Dem Lumpenpack den Triumph gönnen mich aus Sattel gehoben zu haben - niemals, durch!! Sehr traurig nur Rolle, die Dr. Z. |8| spielte. Nicht nur dß er mit den Versich. Kranken zusammensteckte, er hetzte auch in dem Sanat. Waldpark, in dem ich auch ärztl. Leitung übernehmen mußte (etwa 22 Kranke). Wirklich gebildete Leute sind auch dort nicht, zumeist ein Mittelstand. Auch diese empörten sich gegen Frau H. |9|, ließen mich das aber fühlen. Schließlich kam soweit, daß schriftlichen Protest einreichten u. unter Androhung von allerlei Maßnahmen Dr. Z. |8| wieder als Arzt verlangten, da zu mir keinerlei Vertrauen hätten. Nachdem den Besitzer (Thimm) |17| der Anstalt für mich gewonnen, spreche mich mit Leuten aus, sage ihnen Wahrheit u. erreiche, dß nur zwei mich abweisen, eine hysterische Eisenbahn Assistentengattin, die sich dort fühlte u. ein dämlicher Volksschulmeister. Immerhin war Sache peinlich u. dauerte einige Zeit, bis auch dort in richtigem Geleise war. Aber klar, wie mich das alles mitnahm.
|1| Augiasstall: siehe Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Augias)
|2| Dr. med. Emil Kremser (1859–1947), Chefarzt an der Knappschafts-Heilstätte Sülzhayn |3| et cetera (lat.) = und so weiter, und so fort |4| Dr. med. Hermann Hirschfeld (1875–1907), Leitender Arzt am Sanatorium »Otto Stubbe« |5| Otto Stubbe (1863–1902), Besitzer des Sanatoriums »Otto Stubbe« |6| dieses Jahres |7| Sooden an der Werra |8| Dr. med. Goswin Zickgraf (1879–1944), 1906 Leitender Arzt am Sanatorium »Otto Stubbe« |9| Marie Hirschfeld geb. Feraud verw. Stubbe (1869–1949), Besitzerin des Sanatoriums »Otto Stubbe« |10| Emil Hoffmann (1868–1945), Besitzer des Sanatoriums »Kurhaus« und Schwager von Dr. med. Emil Kremser |11| Hermann Oppenheim (1879–?), Kaufmann |12| Friedrich Ruckenbrod (1874–?), Bauarbeiter |13| Landesversicherungsanstalt Brandenburg |14| dergleichen |15| Patienten |16| in deren Interesse |17| Otto Timm (1874–1939), Besitzer des Sanatoriums »Waldpark« |